Welche Wandfarben sind diffusionsoffen?

wandfarben sind diffusionsoffen

Diffusionsoffen sind vor allem mineralische Wandfarben: Kalkfarbe, Silikatfarbe und Lehmfarbe lassen Wasserdampf nahezu ungehindert durch, gefolgt von Silikonharzfarben im mittleren Bereich.

Klassische Dispersionsfarben sind je nach Produkt nur bedingt durchlässig, und Latexfarben bilden einen weitgehend dampfdichten Film. 

Der entscheidende Kennwert dafür heißt sd-Wert und steht bei guten Produkten auf dem Gebinde. Wir bei Maler Wien GSQ wählen diesen Wert bei jedem Projekt nach dem Untergrund aus, im Wiener Gründerzeithaus fällt die Entscheidung regelmäßig anders aus als im Neubau. 

Dieser Beitrag ordnet die Farbtypen ein, erklärt, wann Diffusionsoffenheit wirklich zählt, und zeigt, wann sie ausnahmsweise sogar hinderlich ist.

Was bedeutet diffusionsoffen genau?

Diffusionsoffen bedeutet, dass eine Beschichtung Wasserdampf durch sich hindurchtreten lässt, statt ihn an der Oberfläche zu stauen, die Farbe bremst den Dampf, sperrt ihn aber nicht ab.

Der Vorgang dahinter heißt Wasserdampfdiffusion. In beheizten Innenräumen ist die Luft feuchter und wärmer als außen.

Dieses Gefälle sorgt dafür, dass Feuchtigkeit langsam von innen nach außen durch die Bauteile wandert. Eine diffusionsoffene Oberfläche lässt diesen Weg offen, eine dichte Beschichtung unterbricht ihn.

Wichtig ist die Größenordnung: Über die Wand wandert nur ein sehr geringer Anteil der Raumfeuchte nach außen, den weitaus größten Teil transportiert das Lüften ab. Diffusionsoffene Farbe ersetzt also niemals richtiges Lüften – sie verhindert nur, dass sich Feuchtigkeit direkt unter der Beschichtung sammelt.

Genau dort liegt der praktische Nutzen. Wo Feuchtigkeit im Untergrund eingeschlossen wird, löst sich die Farbe früher oder später vom Putz.

Woran erkennt man eine diffusionsoffene Wandfarbe?

Erkennbar ist die Durchlässigkeit am sd-Wert auf dem Gebinde: Je kleiner dieser Wert, desto durchlässiger die Beschichtung. Als diffusionsoffen gelten Produkte mit einem sd-Wert unter 0,14 Metern.

Der sd-Wert beschreibt, wie dick eine ruhende Luftschicht sein müsste, um dem Wasserdampf denselben Widerstand entgegenzusetzen wie die Beschichtung.

Ein sd-Wert von 0,02 m entspricht also lediglich zwei Zentimetern Luft – praktisch kein Hindernis. Ein Wert von 1,0 m entspricht dagegen einem Meter stehender Luft und wirkt bereits stark bremsend.

Die gängige Einteilung nach europäischer Norm sieht so aus:

  • hoch durchlässig: sd unter 0,14 m
  • mittel durchlässig: sd zwischen 0,14 und 1,4 m
  • gering durchlässig: sd über 1,4 m

Ein Hinweis zur Vorsicht: Begriffe wie „atmungsaktiv“ oder „raumklimaregulierend“ sind nicht geschützt und sagen für sich genommen nichts aus. Verlässlich ist nur die Zahl im technischen Merkblatt.

Zwei Werte werden dabei häufig verwechselt. Der µ-Wert beschreibt die Materialeigenschaft unabhängig von der Dicke, der sd-Wert bezieht diese Dicke bereits ein.

Für die Praxis ist ausschließlich der sd-Wert relevant, weil er das fertige Bauteil beschreibt und nicht das Rohmaterial. Fehlt er im Merkblatt, lohnt eine Nachfrage beim Händler.

Welche Wandfarben sind diffusionsoffen?

Diffusionsoffen sind in erster Linie die mineralischen Farbtypen – Kalk, Silikat und Lehm – während Kunststoffdispersionen mit steigendem Bindemittelanteil zunehmend dichter werden.

Kalkfarbe liegt mit sd-Werten weit unter 0,1 m an der Spitze der Durchlässigkeit und ist zusätzlich stark alkalisch, was Schimmelbildung erschwert. Wo sie sich besonders eignet, lesen Sie im Beitrag was Kalkfarbe ist und welche Vorteile sie hat.

Silikatfarbe verkieselt chemisch mit mineralischem Untergrund und bleibt dabei ebenso offen. Sie ist die langlebigste der mineralischen Varianten – Details dazu im Beitrag wofür sich Silikatfarbe eignet.

Lehmfarbe und Lehmputz sind nicht nur durchlässig, sondern nehmen selbst Feuchtigkeit auf und geben sie wieder ab. Diese puffernde Wirkung beschreiben wir im Beitrag über Lehmputz für ein gesundes Raumklima.

Silikonharzfarbe liegt im mittleren Bereich: durchlässig genug für die meisten Anwendungen und gleichzeitig wasserabweisend – ein Kompromiss, der vor allem an der Fassade seine Stärken hat.

Warum ist Dispersionsfarbe weniger durchlässig?

Dispersionsfarbe ist weniger durchlässig, weil ihre Farbpigmente in einem Kunststoffbinder eingebettet sind, der beim Trocknen einen geschlossenen Film bildet – genau die Eigenschaft, die diese Farben abwaschbar und strapazierfähig macht.

Der sd-Wert hängt stark vom Bindemittelanteil ab. Eine matte Innendispersion mit hohem Füllstoffanteil kann noch relativ offen sein, eine hochglänzende oder besonders scheuerbeständige Variante ist es kaum noch. Latexfarben liegen am dichten Ende der Skala, weil ihr elastischer Film besonders geschlossen ist.

Das macht Dispersionsfarbe nicht zu einem schlechten Produkt. In trockenen Innenräumen mit intakten Wänden ist ihre geringere Durchlässigkeit vollkommen unproblematisch, und in stark beanspruchten Bereichen ist die Abwaschbarkeit ein echter Vorteil.

Wo die Unterschiede zwischen den beiden Kunststoffvarianten liegen, erklärt der Beitrag Dispersionsfarbe oder Latexfarbe.

Kritisch wird es erst, wenn eine dichte Farbe auf eine Wand kommt, die Feuchtigkeit abgeben muss.

Wann ist Diffusionsoffenheit wirklich wichtig?

Wirklich wichtig wird Diffusionsoffenheit überall dort, wo die Wand selbst Feuchtigkeit enthält oder aufnimmt: im Altbau mit dickem Mauerwerk, an kalten Außenwänden, im Keller und in unbeheizten oder selten genutzten Räumen.

Wiener Gründerzeitbauten sind der Standardfall. Das massive Ziegelmauerwerk speichert Feuchtigkeit und gibt sie langsam wieder ab.

Eine dampfdichte Beschichtung unterbricht diesen Ausgleich, die Feuchte sammelt sich unter der Farbschicht, und der Anstrich löst sich in Blasen oder Schollen. Das ist einer der häufigsten Gründe,warum die Farbe im Altbau abblättert.

Auch nach Sanierungen zählt der Wert. Frisch verputzte Flächen und ausgetrocknete Wasserschäden geben über Wochen bis Monate Restfeuchte ab. Wird zu früh mit einer dichten Farbe gearbeitet, bleibt diese Feuchtigkeit gefangen.

Ein weiterer klassischer Fall sind Räume hinter großen Möbelstücken und in Außenecken, wo die Wand kälter ist und Luftzirkulation fehlt.

Wann ist sie nicht nötig oder sogar unerwünscht?

Nicht nötig ist Diffusionsoffenheit in trockenen, gut gedämmten Neubauten – und ausdrücklich unerwünscht dort, wo eine abwaschbare, feuchtigkeitsabweisende Oberfläche gefragt ist.

Diese Fälle sprechen für eine dichtere Beschichtung:

  • Küche – Fettspritzer und Kochdunst verlangen nach einer abwischbaren Fläche
  • Bäder mit Spritzwasserbereich – hier soll Wasser abperlen, nicht in den Untergrund ziehen
  • Stark beanspruchte Flächen – Kinderzimmer, Flure, Treppenaufgänge, Gewerbeflächen
  • Neubauwände auf Gipskarton – trockener Untergrund ohne Feuchtelast
  • Flächen mit Anti-Graffiti- oder Sperrfunktion – hier ist Dichtheit gerade der Zweck

Ein Missverständnis hält sich hartnäckig: Diffusionsoffene Farbe sei grundsätzlich die gesündere Wahl. Das stimmt so nicht. Mineralische Farben sind in der Regel schadstoffärmer, aber die Durchlässigkeit selbst hat mit der Raumluftqualität wenig zu tun, sie ist eine bauphysikalische Eigenschaft, keine gesundheitliche.

Hinzu kommt ein praktischer Aspekt, der selten erwähnt wird: Offene mineralische Oberflächen sind empfindlicher gegen Verschmutzung, weil sie Flüssigkeiten aufnehmen statt sie abperlen zu lassen.

In einem Haushalt mit kleinen Kindern oder Haustieren kann das den Ausschlag geben – dort ist eine abwaschbare Fläche im Alltag mehr wert als ein günstiger sd-Wert an einer ohnehin trockenen Innenwand.

Was hat Diffusionsoffenheit mit Schimmel zu tun?

Diffusionsoffene Farbe verhindert keinen Schimmel, sie kann seine Entstehung aber erschweren, während eine dichte Beschichtung auf einer feuchten Wand das Risiko deutlich erhöht.

Schimmel braucht drei Dinge: Feuchtigkeit, Nährboden und Temperatur. Eine dampfdichte Farbe auf einer kalten, feuchten Außenwand sorgt dafür, dass die Feuchtigkeit genau an der kritischen Stelle bleibt, zwischen Putz und Beschichtung. Genau dort entsteht der Bewuchs, häufig zuerst unsichtbar unter der Farbschicht.

Mineralische Farben wirken hier doppelt: Sie lassen Feuchtigkeit passieren, und ihr hoher pH-Wert schafft ein für Sporen ungünstiges Milieu. Das ersetzt aber keine Ursachenbeseitigung. Liegt eine Wärmebrücke, ein Rohrschaden oder aufsteigende Feuchtigkeit vor, wächst der Schimmel auch unter Kalkfarbe weiter.

In solchen Fällen braucht es zuerst eine Diagnose und eine fachgerechte Schimmelbekämpfung – der Anstrich ist immer der letzte Schritt, nie die Lösung.

Warum reicht die Farbe allein nicht aus?

Die Farbe allein reicht nicht, weil der gesamte Wandaufbau durchlässig sein muss – die dichteste Schicht bestimmt das Verhalten der ganzen Konstruktion, unabhängig davon, wie offen die oberste Lage ist.

Ein häufiger Fall: Auf einer Wand liegt eine kunststoffbeschichtete Vinyltapete, darüber kommt eine hochwertige Kalkfarbe. Die Farbe ist offen, die Tapete ist es nicht – und damit ist der gesamte Aufbau dicht. Der Aufwand für die mineralische Farbe verpufft.

Diese Schichten entscheiden mit:

  1. Untergrund und Putz – Kalk- und Kalkzementputze sind offen, Kunstharzputze deutlich weniger
  2. Grundierung – eine filmbildende Tiefengrundierung kann den ganzen Aufbau abdichten
  3. Tapete – Papier und Vlies sind durchlässig, Vinyl und beschichtete Varianten nicht
  4. Beschichtung – die eigentliche Farbe

Soll ein Aufbau vollständig offen bleiben, muss jede dieser Lagen dazu passen. Beim fachgerechten Aufbringen geeigneter Bahnen unterstützen wir Sie im Rahmen unserer Tapezierarbeiten.

Gilt dasselbe auch für Fassadenfarben?

An der Fassade gilt dasselbe Prinzip, allerdings mit einer zusätzlichen Anforderung: Die Beschichtung muss Wasserdampf von innen nach außen durchlassen und gleichzeitig Regenwasser von außen abweisen.

Diese Doppelanforderung erfüllen Silikat- und Silikonharzfarben am besten. Silikatfarbe verbindet sich fest mit mineralischem Putz und bleibt maximal offen, Silikonharzfarbe kombiniert gute Durchlässigkeit mit starkem Wasserabweisungsvermögen und eignet sich dadurch für stark bewitterte Lagen.

Kritisch sind dichte Kunststoffbeschichtungen auf altem Mauerwerk. Sie schließen die im Ziegel gespeicherte Feuchtigkeit ein, die im Winter gefriert und Putzschäden verursacht.

Bei Gründerzeitfassaden ist eine offene Beschichtung deshalb kein Detail, sondern eine Voraussetzung für die Haltbarkeit.

Welches System zu welchem Bestand passt, klären wir vor jeder Fassadensanierung am Objekt – die Beurteilung des vorhandenen Putzes lässt sich nicht aus der Ferne treffen.

Welche Fehler passieren am häufigsten?

Der häufigste Fehler ist die Wahl der Farbe nach Optik und Preis statt nach Untergrund – gefolgt von der Annahme, ein einzelnes offenes Produkt könne einen ansonsten dichten Wandaufbau retten.

Diese Punkte gehen in der Praxis am häufigsten schief:

  • Dichte Farbe auf feuchter Wand – der Anstrich löst sich innerhalb weniger Monate
  • Falsche Grundierung – eine filmbildende Grundierung macht jede mineralische Deckschicht wirkungslos
  • Mineralische Farbe auf Kunstharzputz – Silikatfarbe kann nicht verkieseln und haftet schlecht
  • Zu früh gestrichen – frischer Putz und sanierte Wasserschäden brauchen Austrocknungszeit
  • Vertrauen auf Werbebegriffe – „atmungsaktiv“ ohne sd-Wert im Merkblatt sagt nichts aus
  • Punktuelles Ausbessern mit anderem System – unterschiedliche Durchlässigkeiten zeichnen sich später als Flecken ab

Wer unsicher ist, prüft zwei Dinge: Was liegt auf der Wand, und gibt sie Feuchtigkeit ab? Aus diesen beiden Antworten ergibt sich das passende System fast von selbst.

Ein letzter Punkt betrifft die Reihenfolge im Bauablauf. Wird eine Wand gedämmt, verputzt und gestrichen, muss die Durchlässigkeit von innen nach außen zunehmen, die äußeren Schichten dürfen nie dichter sein als die inneren, sonst staut sich Feuchtigkeit im Aufbau.

Dieses Prinzip gilt für Innenwände ebenso wie für die Fassade und wird bei nachträglichen Ausbesserungen regelmäßig übersehen.

Übersicht: Die Farbtypen im Vergleich

Farbtypsd-Wert (Richtwert)DurchlässigkeitBesonderheitTypischer Einsatz
Kalkfarbeunter 0,05 msehr hochstark alkalischAltbau, Keller, Feuchtebelastung
Silikatfarbeunter 0,05 msehr hochverkieselt mineralischAltbau innen und außen, Fassade
Lehmfarbe, Lehmputzsehr niedrigsehr hochpuffert FeuchtigkeitWohn- und Schlafräume
Silikonharzfarbe0,1–0,2 mmittel bis hochwasserabweisendFassade in Wetterlage
Dispersionsfarbe matt0,1–0,5 mmittelgünstig, gut deckendtrockene Innenräume, Neubau
Latexfarbeüber 0,5 mgeringabwaschbar, strapazierfähigKüche, Flur, stark beanspruchte Flächen

Häufig gestellte Fragen

Ist „atmungsaktiv“ dasselbe wie diffusionsoffen? 

Nicht zwingend. „Atmungsaktiv“ ist ein Werbebegriff ohne feste Definition, diffusionsoffen ist über den sd-Wert messbar. Verlassen Sie sich auf die Zahl im technischen Merkblatt.

Wo finde ich den sd-Wert eines Produkts? 

Im technischen Merkblatt des Herstellers, teilweise auch auf dem Gebinde. Fehlt die Angabe vollständig, ist das für sich genommen schon ein Hinweis.

Kann ich diffusionsoffene Farbe einfach über alte Dispersionsfarbe streichen? 

Optisch ja, bauphysikalisch bringt es wenig. Die darunterliegende dichte Schicht bestimmt weiterhin das Verhalten des Aufbaus.

Sind mineralische Farben automatisch schadstoffärmer? 

In der Regel enthalten sie weniger Lösemittel und Konservierungsstoffe, das ist aber eine getrennte Eigenschaft. Es gibt auch emissionsarme Dispersionsfarben.

Deckt Kalkfarbe schlechter als Dispersionsfarbe? 

Sie benötigt meist mehr Aufträge und ergibt eine lebendigere, weniger gleichmäßige Oberfläche. Das ist bei diesem Farbtyp erwünscht, für manche Erwartungen aber gewöhnungsbedürftig.

Hilft diffusionsoffene Farbe gegen zu feuchte Raumluft? 

Nur minimal. Der Feuchteaustausch über die Wand ist gering, entscheidend bleibt regelmäßiges Stoßlüften.

Was kann ich tun, wenn ich den Untergrund nicht kenne? 

Eine Klebebandprobe oder ein Wassertropfen auf der Wand geben erste Hinweise auf Saugfähigkeit. Bei größeren Flächen lohnt sich die Beurteilung durch einen Fachbetrieb vor Ort.

Fazit

Diffusionsoffenheit ist kein Qualitätsmerkmal, sondern eine Eigenschaft, die zum Untergrund passen muss.

Im Wiener Altbau, im Keller und an kalten Außenwänden ist sie entscheidend für die Haltbarkeit des Anstrichs; in einem trockenen Neubau oder auf einer stark beanspruchten Küchenwand spielt sie kaum eine Rolle, und dort sind abwaschbare Beschichtungen die praktischere Wahl.

Zwei Grundsätze führen zuverlässig zur richtigen Entscheidung: Prüfen Sie den sd-Wert im Merkblatt statt der Werbeaussage auf der Vorderseite, und denken Sie den gesamten Wandaufbau mit statt nur die letzte Schicht. Eine mineralische Farbe auf einer dichten Tapete bringt keinen einzigen Vorteil.

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